Generation-P
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Die Petition

Am Mittwoch, den 21. November 2007, präsentierte Generation P im Brüsseler EU-Parlament seine Petition!

Einen ausführlichen Bericht mit Fotos findet ihr hier.

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Für faire Praktika und einen besseren Berufseinstieg von jungen Europäern


Unsere Forderungen

Die geschilderte Situation ist nicht zu akzeptieren. Die Erfahrung zeigt, dass das Problem eine grenzüberschreitende, europaweite Dimension hat, auch wenn das genaue Ausmaß mangels statistischer Erhebungen noch nicht bekannt ist. Um die negativen sozialen und ökonomischen Auswirkungen, die mit den Idealen der Wirtschafts-, Sozial- und Wettbewerbspolitik der EU, sowie des europäischen Binnenmarktes nicht zu vereinbaren sind, zu begrenzen, muss der Praktikanten-Arbeitsmarkt drastisch beschränkt werden.

Daher fordern wir vom Europäischen Parlament:

  • die entsprechenden Institutionen der Europäische Union dazu aufzufordern :
    • Praktika generell in EU-Statistiken zu berücksichtigen
    • von den EU-Mitgliedstaaten Daten und Analysen zu Praktika zu erfragen und, darauf basierend
    • eine vergleichende Studie zu den verschiedenen Praktikums-Formen in den EU-Ländern zu produzieren

 

  • europäische Mindestnormen und –Standards zu Praktika zu verabschieden. Diese sollten Folgendes beinhalten :
    • eine zeitliche Begrenzung von Praktika
    • einen landesüblichen Mindestlohn
    • soziale Absicherung durch eine den Gepflogenheiten der Mitgliedstaaten entsprechende Beteiligung an den Sozialversicherungssystemen
    • und eine Verknüpfung des Praktikums mit dem entsprechenden Studienfach oder einer entsprechenden schulischen oder beruflichen Ausbildung.

 

Die Situation

Der Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) immer mehr zu. Junge Menschen sind von dieser Entwicklung besonders betroffen. Sie haben große Probleme Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden und müssen unter prekären Bedingungen, wie Niedrigstlöhne, flexibelste Arbeitszeiten, geringer sozialer Absicherung etc. arbeiten. Eine Beschäftigungsform die besonders prekär ist, sind Schein-Praktika.

Allein in Frankreich und Deutschland gibt es jedes Jahr mindestens 1,5 Millionen Praktikanten (1). Hochgerechnet bedeutet das, in der gesamten EU gibt es mehrere Millionen junger Leute, die jährlich als Praktikanten beschäftigt werden. Sicherlich bieten vor oder während des Studiums Praktika eine gute Möglichkeit für Schüler und Studenten um Kenntnisse, die man an der Universität erworben hat, in der Praxis anzuwenden und sich beruflich zu orientieren. Dies kann die Arbeitsmarktintegration junger Leute durchaus fördern. Ein gutes Hochschuldiplom und mehrere Praktika während des Studiums sind aber längst keine Garantie mehr für einen Zugang zum Arbeitsmarkt in ein Normalarbeitsverhältnis.

Ein gutes und faires Praktikum ist zeitlich begrenzt, angemessen vergütet, unterliegt gängigen Standards sozialer Sicherung und wird im Rahmen der Ausbildung absolviert, d.h. es knüpft inhaltlich z.B. an das entsprechende Studienfach an. Leider entsprechen viele Praktika in keiner Weise diesen Anforderungen. Praktika verlieren zunehmend ihren Lern- und Ausbildungscharakter (2). Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) machen ca. 40% der Hochschulabsolventen noch Praktika nach dem Abschluss (3). Die Hälfte solcher postgraduierten Praktikanten, befragt im Rahmen der deutschen HIS-Studie, sagten aus, dass ihnen das Praktikum nicht geholfen hat eine reguläre Stelle zu finden (4). Die Aufgaben dieser Praktikanten sind oftmals die eines regulären Beschäftigten, allerdings ohne entsprechende Entlohnung. Die Hälfte der in der DGB-Studie untersuchten Praktika Postgraduierter, waren gänzlich unbezahlt (5). Solche Praktika sind Schein-Praktika um normale Gehälter und entsprechende Abgaben einzusparen.

Junge Menschen nehmen diese prekären Bedingungen hin, weil die Umstände sie oftmals dazu zwingen. Wenn sie keine reguläre Stelle finden, sondern nur Praktika, dann ziehen sie das Praktikum der Arbeitslosigkeit vor. Es gibt immer weniger Alternativen, denn Unternehmen – sowohl private Firmen als auch Non-Profit Unternehmen und sogar öffentliche Institutionen – bieten mehr und mehr Praktika statt normaler Jobs an (6). Das Resultat ist ein regelrechter „Praktikanten-Arbeitsmarkt“ in vielen EU-Staaten. Länder, in denen die Entwicklung besonders beunruhigend ist, sind Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich und Spanien. Auch die Situation vieler Praktikanten in den EU-Institutionen und den Lobby-Unternehmen in Brüssel ist prekär.

Die sozialen und ökonomischen Konsequenzen dieser Entwicklung sind enorm und schaden, nicht zuletzt wegen der geringen Kaufkraft der Praktikanten den Volkswirtschaften der EU-Mitgliedsstaaten. Aufgrund des geringen oder nicht vorhandenen Gehalts zahlen Praktikanten keine Steuern und keine Beiträge in die sozialen Sicherungssysteme. Dies geht oft Hand in Hand mit Armut, sozialen Problemen und Pessimismus bezüglich der eigenen Zukunft: Junge Menschen mit prekären Jobs nicht in der Lage ihre Zukunft zu planen (z.B. Gründung einer Familie, Anschaffungen, Weiterqualifizierung) was die demografischen Probleme Europas verschärft. Beschäftigen Unternehmen ungewöhnlich viele Praktikanten (manchmal mehr als normale Angestellte), so führt dies, wegen der ersparten Entgelte, zu Wettbewerbsverzerrung. Weiterhin bleibt festzustellen: Die derzeitige Entwicklung rund um Schein-Praktika zeugt von einer rigorosen Lücke im Europäischen Sozialmodell und verursacht große Skepsis bezüglich der Vorzüge europäischer Integration.



  1. Laut dem französischen Wirtschafts- und Sozialausschuss sind es 800.000 Praktikanten in Frankreich; diese Zahl beinhaltet lediglich studentische Praktika (siehe Walter, J.L., 2005, L’insertion professionnelle des jeunes issus de l’enseignement supérieur, Conseil economique et social, S.38). Laut der deutschen Agentur für Arbeit gab es 600.000 Praktikanten im Juni 2006 in Deutschland (siehe Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, März 20, 2007, Betriebspraktika – Auf Umwegen zum Ziel, Berlin: Bundesagentur für Arbeit). Diese Zahl bezieht sich aber nur auf die Praktika zum genannten Zeitpunkt, nicht das gesamte Jahr.
  2. Laut einer Studie des deutschen Hochschulinformationssystems (HIS) haben mehr als 50% der Praktikanten keinen klaren Aufgabenplan (siehe Briedis, K. & Minks, K.-H, April 2007, Generation Praktikum – Mythos oder Massenphänomen? HIS:Projektbericht, S.5).
  3. Grühn, D. et. al., Februar 2007, Generation Praktikum? Prekäre Beschäftigungsformen von Hochschulabsolventinnen und –absolventen. Berlin: DGB, S.6
  4. Briedis & Minks, 2007, S.7
  5. Grühn, et. al., 2007, S.6
  6. Siehe Wesfreid, M., 26.01.2006, Stages – La grande loterie, Paris: L’Express.